Einsatztagebuch Haiti 2008

Nach den Wirbelstürmen auf Haiti baute das Deutsche Rote Kreuz dort eine Gesundheitsstation auf. Unser Kamerad Peter Hoffmann war dort 6 Wochen als Techniker im Einsatz. Im Folgenden ist sein Erfahrungsbericht und Einsatztagebuch dargestellt.

Mittwoch, 1.10.2008 14.00

Telefonanruf von Wilhelm Hensen - kannst du in 2 Wochen nach Haiti als Techniker zu unserer BHCU (Anm.: Basic Healt Care Unit, Gesundheitsstation)
ja
Hast du alle Untersuchungen? Rufe dich heute noch zurück.
16.00 Uhr Rückruf von Wilhelm, Abflug nicht in 2 Wochen sondern nächste Woche Donnerstag. Kümmere dich noch diese Woche um deine Untersuchung. Super - Jetzt ist Mittwoch, alle Ärzte haben am Nachmittag frei. Freitag ist Feiertag. Also nur morgen.
Ein Anruf beim Betriebsarzt des KV Augsburg Land. Morgen geht nichts, er nimmt an einem Seminar in München teil. Erst am Montag.
Am Abend weiss ich was Haiti bedeutet - nicht Hawai oder Tahiti. Nein, das ärmste Land von Amerika, regelmäßig heimgesucht von Wirbelstürmen, Armut, Hungersnot, und das Land mit einer der höchsten Rate an HIV- Erkrankungen auf der Welt. Anfang September erneut heimgesucht von einem Wirbelsturm. Gonaïves, eine Stadt mit ca 300.000 Einwohnern nahezu völlig zerstört. Kein bestehendes Krankenhaus mehr. Eine Aufgabe für das Basic Health Care Unit (BHCU) des Deutschen Roten Kreuzes.

Donnerstag, 2.10.2008

Der Kreisverbandsarzt ruft mich in der Früh zurück. Der Lehrgang in München findet doch nicht statt. Er kann mich heute untersuchen. Also los. Anruf von Wilhelm. Abflug ist nicht Donnerstag, sondern Mittwoch!!!! Wieder ein Tag früher. Na dann los. Familie, Firma, Untersuchungen, Vorbereitungen für Haiti, ... Die Zeit läuft davon. Gott sei Dank, bereits Donnerstag Abend das Ergebnis der G 35 Untersuchung - keine Probleme. Und Donnerstag Abend noch ein Tauchgang.

Wochenende Freitag, 03.10. bis Sonntag 05.10.2008

War kein Wochenende zur Entspannung

Montag, 06.10.2008

Wilhelm meldet sich gleich in der Früh, ist glücklich, das es bis dato keine Probleme gibt. Der neue Teamleader ist auch gerade im GS eingetroffen - Marilena Chatziantoniou, ein "alter" Fuchs aus dem GS. Wir telefonieren 10 Minuten miteinander und vereinbaren unser erstes Date am Mittwoch, Flughafen Paris Charles de Gaule, irgendwo - Erkennungszeichen Rotes RK-Käppi. Hatte 10 Minuten zuvor erfahren, das mein Flug am Mittwoch in der Früh um 7.00 Uhr in München nach Paris startet. 8.30 Charles de Gaule, Abflug 12.00 Flughafen Paris Orly.
Alle sagen, das ist fast nicht zu schaffen.

Dienstag, 07.10.2008

Nur Stress bis in die Nacht. Meine Familie ist wieder mal nur bedingt glücklich.

Mittwoch, 08.10.2008

Um 3.00 ist die Nacht zu Ende. 3.45 Uhr Flughafentransfer, 7.00 Uhr Abflug München, Ankunft Paris mit 20 Minuten Verspätung. Marilena und ich schafften es trotzdem - aber nicht zusammen, unser erstes Treffen ist am Flughafen Guadelupe - Passt. Während des Weiterflugs haben wir genug Zeit für das erste Briefing. Wird interessant werden. Unser Team besteht aus 8 Mitgliedern: 1 Teamleader, 1 Techniker, 3 Nurses (Anm: Krankenschwestern), 3 Doktoren. Und das aus 4 Nationen - Schweiz, Finnland, Kanada und wir beide aus Deutschland. Nach einer Zwischenlandung auf Guadelupe Ankunft in Port au Prince um 15.00 örtliche Zeit. Für uns bedeutet das mitten in der Nacht (7 Stunden Zeitverschiebung nach vorn). Unser Empfangskomitee ist bereits mit einem Fahrzeug da und bringt uns ohne Umweg in das Hotel. Nächster Termin 20.00 Uhr Sicherheitseinweisung und Darstellung der Sachlage auf Haiti durch die FACT-Leaderin. Nach 26 Stunden on Tour sind wir alle und fallen ins Bett.

Donnerstag, 09.10.2008

8.00 Uhr Briefing durch das IKRK. Es müssen gewisse Sicherheitsregeln zum eigenen Schutz eingehalten werden. Ist nicht so wie in Deutschland. Danach sofort Aufbruch mit 2 weiteren Teammitglieder mit dem Geländewagen zur BHCU. 6 Stunden Fahrt für ca 150 km - für jeden Off-Road Freak eine Wonne - für uns und unserem Fahrer harte Arbeit. Wir schaffen es, rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit anzukommen (Safety-Rule). Ein herzlicher Empfang durch das erste Team. Diese schafften es in den ersten 4 Wochen unter schwierigsten Umständen die BHCU aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Ebenfalls wurde ein Haus als Unterkunft für uns angemietet. Man sieht ihnen die Strapazen der letzten Wochen an. Später erst verstehen wir, dass sie nahezu Unmögliches schafften. Ein tolles Team.

Freitag, 10.10.2008

Unser Team ist bis auf die beiden Schweizer komplett. Bereits nach 24 Stunden ist ein super Teamgeist vorhanden - traumhaft. Wir haben 2 Tage Zeit für das Hand-over. Mein Part - die Technik von einem sehr guten Freund, Hans zu übernehmen ist ein Kinderspiel. Die beiden Teamleader arbeiten Tag und Nacht - perfekt. Erster Tag in der BHCU - Reibungslos. Wir werden nur noch Kleinigkeiten verbessern können.

Samstag, 11.10.2008

Hans und ich fahren nach St. Marc. Mein Job wird es auch sein, das dort gelagerte Maetrial in den nächsten 2 Wochen zur BHCU zu transportieren. Keine Kleinigkeit. Die Fahrt dauert einfach 2,5 Stunden. Nichts ist wie zu Hause - alles dauert ca. 5 mal so lang. Werde mich an das Land anpassen müssen, den das Land wird sich nicht an mich anpassen.

Sonntag, 12.10.2008

Bereits das Aufstehen ist anstrengend. Bei 30 Grad in der Früh schwitzt man bei jeder Bewegung. Das Wichtigste ist trinken, trinken, trinken.
Der Rest vom alten Team verlässt uns in der Früh. Unsere Arbeit geht weiter.
Überblick verschaffen, was im Haus an Material ist, sortieren, archivieren, ... Wir haben eine Haushaltshilfe - somit haben wir im Haus eine Entlastung. Sonntags ist die BHCU geschlossen. Unsere Mediziner können sich etwas entspannen. Frühstück und Mittagessen besteht hauptsächlich aus Aufnahme von Flüssigkeit. Abends kochen wir selber. Jeden Tag ein Salat - ich kenne nicht jedes Gemüse und Obst das ich esse.

Montag, 13.10.2008

Unser erster Arbeitstag ohne das alte Team beginnt um 7.30 Uhr und endet, wenn kein Patient mehr da ist. Haben volles Haus. Arbeiten bei 37 Grad, keine Klimaanlage, Staub, Verständigung zum größten Teil nicht in der Muttersprache - das ist nicht Urlaub in der Karibik. Keiner von uns hat bis dato in Gonaïves das Meer gesehen. Wir sehen nur zerstörte Häuser, überschwemmte Gebiete (das Wasser steht noch vereinzelt in der Stadt), Schlamm und Patienten, die dringend unsere Hilfe benötigen. Sicherheitsregeln müssen zur eigenen Sicherheit eingehalten werden, das heißt spazieren gehen ist unmöglich. Unsere, durch eine Mauer eingefriedete Unterkunft ist zugleich auch am Abend unser Gefängnis. Und das für 6 Wochen.

Dienstag, 14.10.2008

Routine kehrt ein. Am späten Nachmittag kommen die beiden Schweizer an - ein Arzt und eine Nurse. Wird ein tolles Team werden. Und eine wichtige Neuerung - gemeinsames Abendessen an einem Tisch.

Mittwoch, 15.10.2008

Ein grösseres Problem (ca 3m lang, Gewicht mehr als 2 Tonnen und nicht lärmgeschützt) ist ein neben der BHCU aufgebautes Stromaggregat. Auf Grund der Geräuscheentwickung ist es für unsere Ärzte sehr schwer, mit dem Stethoskop zu arbeiten. Erste Gespräche wurden bereits mit dem Eigentümer geführt. Wir arbeiten an einer Lösung.

Freitag, 17.10.2008

Feiertag auf Haiti. Für uns Bürotag in unserem Areal. Beide Fahrer haben frei. Kein Schritt nach draussen. Werden heute Abend Grillen.

Samstag, 18.10.2008

Nächste Fahrt nach St Marc. Komme erst recht spät weg. Fahre jetzt das 3. Mal die gleiche Strecke - keine Entfernung, aber heute 3 Stunden Fahrzeit 67 km. Alle Guides von unserem mit Medikamenten und Equipment vollgestopften Haus sind da und helfen beim Beladen des Fahrzeuges bei 37 Grad. Kein Spaß. Safety-Rules - das bedeutet, wenn man die Ankunft bei Tageslicht am Zielort nicht schafft, muss man auswärts an einem sicheren Ort übernachten. Tja, Schicksal. Somit übernachte ich in der Nähe von St. Marc.

Sonntag, 19.10.2008

Heute das erste Mal etwas länger schlafen, das Meer und Kontakt mit dem Wasser - habe natürlich als Wasserwächter zur Sicherheit eine Badehose dabei. Und dann der Trip mit einem voll beladenen Fahrzeug zurück nach Gonnaive. Dort wurde gerade ein Fussballspiel gegen St. Marc beendet. Heute gibt es nicht nur verstopfte Strassen von Schlamm und Wasser, nein auch von Haitianern. Jeden Tag etwas Neues. Lasse das voll geladene Fahrzeug im abgezäunten Bereich vor dem Haus stehen und trinke zum Abschluss ein wohlverdientes, eiskaltes Bier.

Montag, 20.10.2008

Punkt 7.30 Uhr steht das Team wie jeden Tag bereit zur Arbeit. 3 Ärzte, 3 Nurses und ein Techniker. Elektrik in Betrieb nehmen, Wassercheck, nachfragen ob in der BHCU etwas fehlt. Eine lange Schlange von Patienten wartet auf unsere Mediziener. Nach 1,5 Stunden fahre ich zurück zu unserer Unterkunft. Das noch beladene Fahrzeug in unserem Castle entladen und anfangen, das Inventar zu Listen. Das Lager ist in einem geschlossenen Raum. Die Arbeit bei strahlendem Sonnenschein und uferloser Hitze. Nicht besser als in der BHCU arbeiten. Am Nachmittag die übliche Einkaufstour und wer ist wieder der Koch??? Am Abend startet wieder das Gespräch, dass der neben der BHCU aufgebaute Generator zu laut ist. Jetzt wird es höchste Zeit, dass ich was tue.

Dienstag, 21.10.2008

Wie jeden morgen strahlender Sonnenschein. Jeder wäre glücklich - wir sehnen uns nach etwas Kühle. Das Team wieder zur BHCU, und ich ein weiteres Mal nach St Marc. Fange an mit dem Land eins zu werden. 1 Stunde Umweg, da ein Teil der Hauptstrasse immer noch unter Wasser steht. Um mich herum Staub, Armut, Hunger und mir entgegen gestreckte Kinderhände. Das ist nicht Abenteuer, es geht um das Überleben eines Teiles der Bevölkerung. Einige Bilder prägen sich in mein Hirn. Die Notwendigkeit des Dasein der Hilfsorganisationen und des Roten Kreuzes wird mir immer mehr verdeutlicht. Das komplette Team (Finnland, die Schweiz, Canada und Deutschland) hatte einen arbeitsreichen Tag. Am Spätnachmittag besuchen uns 2 Gruppen von Relief und IT - ein Österreicher, ein Amerikaner, ein Belgier und ein Neuseeländer - alle helfen unter dem Zeichen der Roten Kreuzes.

Mittwoch, 22.10.2008

Die lärmschützende Mauer wird gebaut. Max, der Techniker von MSF (medecins sans frontier) hilft mir in der früh bei der Kalkulation. Der Preis ist erschwinglich. Um 16.00 Uhr treffe ich mich mit ihm ein weiteres Mal. Er ordert für mich das Material, arrangiert, das 4 gute Maurer am nächsten Tag da sind. Wieder über 200 Patienten in der BHCU. Alle arbeiten mit Vollgas.

Donnerstag, 23.10.2008

Die Ärzte und Krankenschwestern arbeiten wie ein Schweizer Uhrwerk in einer schwierigen Umgebung. Und siehe da, das bestellte Material zum Bau der Mauer kommt nicht, wie vereinbart um 8 Uhr in der Früh, sondern ist bereits um 7.30 Uhr da und abgeladen. Punkt 9.00 Uhr sind die Maurer da, Mittags kann man bereits erkennen, was es wird. Marilena, unsere Teamleaderin fliegt heute Nachmittag nach Port au Prince zu Meetings mit der Föderation, dem HaiRC (Anm: Rotes Kreuz von Haiti), dem Botschafter,.... An unserer Pinnwand steht "today team leader away party" and "the coming out of the mice". Sind so müde, dass das Team noch eine Stunde früher als sonst ins Bett geht. Nichts - the coming out of the mice.

Freitag, 24.10.2008

Die Mauer ist fast fertig. Alle sind Müde und fiebern auf das Wochenende hin. Marilena kommt am Nachmittag nach einer erfolgreichen Mission zurück - leicht krank. Das Team versucht, sie aufzupäppelt - 3 Nurses, 3 Ärzte. Möchte nicht in ihrer Haut stecken. Am Nachmittag ab zum Einkaufen ins Zentrum. Sehe heute zum ersten Mal das Meer in Gonnaive. Martin, der Schweizer Arzt und ich sind beeindruckt, wie die Aufräumarbeiten vorangehen. L'etat (Anm: der Staat) von Haiti hat in Armerika zur Hilfe 100 Muldenkipper gekauft. An jeder Ecke schwere Radlader und Armeen von Schubkarren, Spaten und Haitianern. Es wird gebuddelt und weggekarrt ohne Ende. Irgend jemand hat gesagt, um die Stadt sauber zu bekommen, sind 200 LKW und 1 Jahr Arbeit notwendig. Hoffentlich sind die nächsten Jahre ohne Zyklon, welcher die ganze Arbeit wieder zunichte macht.

Samstag, 25.10.2008

Die Mauer, ist fertig. Auch das Team am Mittag. Marilena geht es wieder besser. Wir besuchen auf dem Rückweg noch die Wat-San-Eru (Anm: Trinkwasseraufbereitung) der Spanier. Diese ERU-Einheit ist 5 km außerhalb von Gonnaives an einem Fluss aufgebaut. Sie leben im Sand in einem komplett autarken Camp. Sehe in einigen Augen unseres Teams, dass sie nicht tauschen wollen. Mein Herz als Wat-San-Man schlägt höher. Verstehe mich mit dem Teamleader Diego sofort prächtig. Am Abend Barbecue mit Würstchen, Salat und einem Bier in unserem Haus. 15 Delegierte des Roten Kreuzes aus 11 Ländern an einem Tisch - unvergesslich.

Sonntag, 26.10.2008

Vormittag, Bürotag, Kontakt mit zu Hause, Kasse,... Am Nachmittag ein kurzer Ausflug von 4 Stunden ans Meer. Eine Stunde Schotterpiste bergauf, bergab mit dem Geländewagen. Ein wunderbarer Ausblick. Das Meer ist richtig warm. Das Team benötigt die Ruhepause nach mehr als 2 Wochen Arbeit dringend.

Montag, 27.10.2008

Diese Woche wird die Aktion Haus St. Mark abgeschlossen. Fahre heute das vorletzte Mal. Treffe den Hauseigentümer, spreche die Übergabemodalitäten durch; führe die Gespräche mit den ab Ende der Woche nicht mehr benötigten Guides. Marianne, unsere Schweizer Krankenschwester beginnt mit der Aufstellung des vorhandenen medizinischen Inventares. Das gleiche wird im technischen Bereich meine Aufgabe ab Mitte der Woche sein. Unsere ersten Teammitglieder werden am Freitag uns verlassen. Keiner von uns ist glücklich darüber. Es hat sich im Team eine top Kameradschaft entwickelt.

Dienstag, 28.10.2008

Jeden Tag etwas neues. Wir richten einen sterilen Raum in einem unserer Zelte ein. Ein Spezialbett - Geburtsbett wird dem lokalem Krankenhaus übergeben, bei der Strominstallation wird geholfen, über 200 Patienten, ....

Mittwoch, 29.10.2008

Ein Tag wie jeder andere.

Donnerstag, 30.10.2008

Das Haus in St. Mark wird entgültig geräumt. Eine kurze Diskussion mit dem Hauseigentümer und alles erledigt. Die Pharmazie kommt zurück in die BHCU.

Freitag, 31.10.2008

Martin, der Schweizer Arzt und Caroline, die kanadische Krankenschwester verlassen uns. Der Ersatz wird erst nächste Woche kommen. In Gonnaive sind die Hauptstrassen geräumt, Die Ablaufkanäle sind gereinigt, der Wasserstand in den Flüssen sinkt. Die Stadt wird trocken. Auf Grund des seit 4 Wochen fehlenden Regen weiss man nicht, was besser ist: kein Regen, bedeutet später aber auch eine Gefahr von mangelndem Trinkwasser, oder Regen und wieder aufgeweichten Schlamm in der Stadt.

Samstag, 01.11.2008

Feiertag auf Haiti. Das Hospital ist geschlossen. Wir können etwas kürzer treten. Das bedeutet aber nicht, nichts zu tun. Weiter Inventar der Medikamente, sortieren, trennen, was übergeben werden kann.

Sonntag, 02.11.2008

Bürotag

Montag, 03.11.2008

Seit 2 Wochen läuft unser Programm mit Hygiene Promotion. 3 Volontiere des Haitian Red Cross sind Montag und Mittwoch in der BHCU und in der Umgebung unterwegs.

Dienstag, 04.11.2008

Ein Hospiz der Sister of Charity am Rand von Gonaive ist seit einigen Tagen ohne Stromversorgung. Das Stromaggregat ist defekt. Das heißt, ohne Strom läuft auch die Pumpe nicht. Die Grundwasserversorgung wird momentan durch einen Bladder (Vorratsspeicher) der Watsan-Einheit des spanischen Roten Kreuzes sichergestellt. Auf Dauer keine geeignete Lösung für die mehr als 100 Patienten und Pflegebedürftigen. Der Dieselmotor des eigenen Stromaggregates ist defekt - Totalschaden. Wir helfen Ihnen mit einem unserer beiden Stromaggregate. Die Wasserversorgung ist wieder sichergestellt. Die beiden kanadischen Nurses sind da: David und Andre - männlich.

Mittwoch, 05.11.2008

Dr. St. Gilles bekommt für seine Pädiatrie von uns ein neues Maternity Bed (Entbindungsbett). Dies wird üblicherweise zerlegt in einer Kiste versand. Für mich etwas neues. Und dazu eine 220 V Halogenlampe. Kein Problem.

Donnerstag, 06.11.2008

Bettina, eine auslandserfahrene Ärztin aus Deutschland kommt mit dem Hubschrauber an. Taina und Marie Claude verlassen unser Team. Das 2. Team ist fast komplett aufgelöst.

Freitag, 07.11.2008

Eine schreckliche Nachricht aus Port au Prince. Eine Schule stürzt auf Grund von Baumängeln ein. Marie Claude sieht das und eilt sofort um Hilfe zu leisten. Sie übernimmt in der Anfangsphase sogar das Management vor Ort, koordiniert, verständigt das Haitianische Rote Kreuz, leistet erste Hilfe - 94 tote Kinder

Samstag, 08.11.2008

100 Patienten in der BHCU. Arbeit bis 14.00 Uhr. Danach eine kurze Besichtigung der Stadt. Für das neue Team zum ersten Mal. Das Leben beginnt sich zu normalisieren. Einige Strassen sind mittlerweile trocken gelegt, die Schulen und Kindergärten teilweise gesäubert und desinfiziert. Die Abwässerkanäle sind teilweise gereinigt. Weiterhin wird gegraben und geschaufelt. Es werden Erdwälle am Straßenrand aufgehäuft. Es ist bewundernswert, mit welchem Einsatz die Bevölkerung mit Unterstützung von Hilfsorganisationen arbeitet.

Sonntag, 09.11.2008

7.30 Uhr Abfahrt mit dem Auto nach Port au Prince. 130 km und 7 Stunden. Christine, unsere kanadische Ärztin und Bob ein Relief Delegate begleiten mich. Christine fliegt am Sonntag nach Hause. Im Lager der Föderation in der Hauptstadt von Haiti sind noch einige Kisten von uns gelagert. Diese soll ich auf dem Rückweg mitbringen. Heute kommt ebenfalls am Spätnachmittag unsere neue Nurse Ulrike an. Mit Ulrike war ich Ende August 1 Woche auf Lehrgang vom GRC (Anm.: DRK, Deutsches Rotes Kreuz). Ein herzlicher Empfang.

Montag, 10.11.2008

7.45 - ab zur Föderation - die Sicherheitsbelehrung für Ulrike und sofort zum Lagerhaus. Und vor dem Lagerhaus steht ein nagelneuer Radlader mit Gabeln. Mein Herz schlägt höher - die 2 je 100 kg schweren Kisten nicht mit der Hand auf das Dach laden. Welch Überraschung - die Relief Leute haben noch keinen Fahrer für den Radlader. Für mich zum Glück - als alter Hase im Umgang mit dem Radlader sofort auf das Gerät und in einer halben Stunde ist das Fahrzeug mit ca 500 kg Gepäck mit wenig Kraftaufwand beladen. Unsere letzten auswärts geladenen Kisten sind auch in Gonaïves.

Dienstag, 11.11.2008

Los geht's mit der Inventur. Wir müssen uns jetzt einen Überblick über das komplette Material verschaffen. Ulrike hilft Marianne in der Pharmazie. Meine Aufgabe ist es, die Räumlichkeit zu sanieren - Regale, Direktzugang öffnen, alten Zugang verschließen, Fensterläden konstruieren und anbringen. Eine Arbeit für 2 Tage.

Mittwoch, 12.11. 2008

Der Umbau der Pharmazie hat sich gelohnt. Es wird gesäubert, sortiert, Listen geführt. Es sind alle stolz auf die "neue" Pharmazie. Für uns ein voller Erfolg.

Donnerstag, 13.11.2008

Unser Autoklav im neu eingerichteten Zelt wird jeden Tag genutzt. Marianne, die Nurse aus der Schweiz hat gepackt und soll heute Richtung Heimat fliegen. Wie das so ist. Alles kommt anders als gedacht. In aller früh ein Telefonanruf vom Schweizer Rotem Kreuz. Morgen kommt ein Fernsehteam aus der Schweiz. Somit kein Heimflug. Erst am Samstag. Und für den Teamleader und mich ein Haufen Arbeit zum Organisieren. Marilena fliegt heute wie geplant nach Port au Prince und kommt Sonntag zurück. Der Wat-San Delegierte hat keinen Rückflug. Somit zurück zu uns, Delegierte von Relief sollen morgen kommen. Die Abrechnung vorbereiten, unser ausgewechseltes Team besucht nach einem arbeitsreichen Tag die Klinik der Médicins Sans Frontières (Anm.: MSF, Ärzte ohne Grenzen), Abendessen vorbereiten...

Freitag, 14.11.2008

Das Fernsehteam (1 Mann) aus der Schweiz besucht uns. Alle Aufregung umsonst. In einer Stunde ist alles erledigt. Ein normaler Tag in der BHCU.

Samstag, 15.11.2008

Der komplette Vormittag ist ohne Probleme. Ein Notfall Punkt 13.00 Uhr. Wir werden unserem Namen gerecht - Emergency Response Unit. Unsere kanadischen Nurses kreieren eine neue Krankheit - CBP (complete body pain). Die meisten Patienten haben seit Tagen am kompletten Körper Schmerzen und am Abend Fieber und ... Am Nachmittag fahren alle mit zum Minusta (Helikopterflughafen) um Marianne zu verabschieden und die rückkehrende Marilena in Empfang zu nehmen. Mit Marilena kommt ein Rucksack voller guter Sachen: Sie war im Supermarkt. Heute Abend gibt es original griechische Mousaka - gekocht von der griechischen Hälfte unseres Teamleaders. Ein Festessen. Marilena und ich sind die letzten vom 2. Team.

Sonntag, 16.11.2008

Kräfte auftanken, heute etwas kürzer treten und ein bisschen erholen.

Montag,17.11.2008

Überraschung am morgen: starker Regen über mehr als 5 Stunden. Das erste Mal seit ich da bin. Wieder Matsch in den Strassen. Wir denken, heute sind es weniger Patienten. Eben nicht, die Klinik neben an ist geschlossen. Somit kommen alle Patienten zu uns. Das Waste-Managemant von MSF wird in Betrieb genommen. MSF hat eine Wasserleitung bis zu unserer BHCU verlegt. Somit ist eine ständige Trinkwasserversorgung unserer Patienten sichergestellt. Das sich zurückziehende spanische Wat San Team wird ab sofort bei uns nicht mehr benötigt. Habe seit der Installation des Stromaggregates bei den Sister of Charity keine Antwort bekommen. Ein Besuch zeigt, dass das Hospital dank unserer Technik seit mehr als 10 Tagen auch wieder eine eigene Trinkwasserversorgung hat. Meine Statistik über das technische Equipment ist fertig. Keine offene Baustelle mehr. Heute kommt auch Marcus an - der neue Techniker. Habe jetzt 2 komplette Tage für das Handover (Anm: die Übergabe) der Technik.

Dienstag, 18.11.2008

Erneut ein Feiertag auf Haiti - sie hatten in den vergangenen Jahrhunderten einfach viele Helden. Für uns Zeit, die Inventur zu vervollständigen. Zählen, Listen vervollständigen, Kartons beschriften, ... Marcus und ich sind mit der Übergabe der Technik und meinen vorbereiteten Listen beschäftigt.

Mittwoch, 19.11.2008

Mein letzter Tag in Gonaïves. Werde nicht mehr richtig gebraucht. Marcus hat alles übernommen. Wird nun Zeit, dass ich gehe. Alle wollen, wie sie es in den letzten 6 Wochen gewohnt waren, zu mir kommen. Das ist nicht gut. Die Verantwortung trägt jetzt Marcus. Ein letzter Abend mit dem Team. Der Abschied fällt schwer.

Donnerstag, 20.11.2008

14.30 Uhr Abflug mit dem Helikopter von Gonaïves nach Port au Prince. Flugzeit 30 Minuten - mit dem Auto mehr als 5 Stunden. Aus der Luft kann ich ein letztes mal dass Ausmaß der Katastrophe erkennen.

Freitag und Samstag 21/22. 11.2008

9.00 Uhr Flughafen, Abflug 11.00 Uhr, Ankunft 13.00 Guadeloupe, Abflug 18.00 Uhr und die ganze Nacht Flug bis Paris. Die Zeit zum Wechseln der Flughäfen ist auf Grund der Verzögerung beim Flug nach Paris auf 2 ¼ verkürzt. Alles läuft aber wie am Schnürchen. Erreiche das Flugzeug nach München 10 Minuten vor Abflug. Ankunft wie geplant Punkt 12.00 Uhr in München. Alexander und Johann holen mich ab. Minus 3 Grad - ich friere.

Für mich 6 Wochen in einer der ärmsten Gegenden der Welt, gezeichnet durch ein Unglück mit unvorstellbarem Ausmaß. Eine Rückkehr ohne Krankheit, 5 kg leichter und mit unvergesslichen Erinnerungen.

Peter Hoffmann